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Keine Lust? Warum wir faul sind und was dagegen hilft

· 8 Min. Lesezeit

Ein Faultier hängt im Baum und lächelt zufrieden mit geschlossenen Augen
Foto: David Gomez auf Unsplash

Faulheit wird gern beschimpft, dabei lohnt es sich, sie erst einmal zu verstehen. Warum dein Gehirn das Sofa so liebt, was Faulheit von Müdigkeit und Antriebslosigkeit unterscheidet und wie du mit ihr verhandelst, statt gegen sie zu kämpfen.

Man sagt, Faulheit sei der Motor des Fortschritts: Fernbedienung, Spülmaschine und Lieferdienst gibt es nur, damit niemand extra aufstehen muss. Wenn aber deshalb seit einer Woche die Seminararbeit liegt, bewegt sich der Fortschritt seltsamerweise keinen Millimeter.

Dabei muss dein innerer Schweinehund gar nicht besiegt werden. Es reicht, ihn zu verstehen, und dann fängt er an, für dich zu arbeiten.

Was ist Faulheit eigentlich?

Faulheit ist die Unlust, Kraft aufzuwenden, obwohl die Kraft eigentlich da wäre. Und sie ist kein Charakterfehler, sondern ein Energiesparmodus, den alle Menschen eingebaut haben.

Schon 1943 beschrieb der US-Psychologe Clark Hull das „Gesetz der geringsten Anstrengung“: Von zwei Wegen zum selben Ziel wählen wir den, der weniger Mühe kostet. Lange dachte man, das gelte nur für körperliche Anstrengung. 2010 zeigte ein Team der Princeton University in sechs Experimenten, dass es beim Denken genauso ist: Die Leute wählten immer wieder die Variante, bei der sie weniger nachdenken mussten.

Selbst bei Ameisen, dem Sinnbild des Fleißes, gibt es jede Menge Faulpelze. Forschende der University of Arizona haben herausgefunden, dass bei Ameisen der Gattung Temnothorax rund 40 Prozent der Arbeiterinnen die meiste Zeit gar nichts tun. Und als das Team das aktivste Fünftel der Kolonie entfernte, übernahmen ausgerechnet die Faulpelze innerhalb von etwa einer Woche deren Arbeit. Die Faulheit war eine Reserve für schlechte Zeiten.

Faulheit ist also kein Feind. Das Problem ist nur, dass sie auch da Kraft spart, wo wirklich etwas getan werden muss. Und sie ist nicht dasselbe wie Prokrastination: Wenn du aufschiebst, willst du die Sache ja eigentlich machen, nur nicht jetzt.

Faulheit, Müdigkeit oder Antriebslosigkeit?

Von außen sehen alle drei gleich aus: Jemand liegt herum und tut nichts. Innen sind es drei verschiedene Geschichten, und jede braucht etwas anderes.

FaulheitMüdigkeitAntriebslosigkeit
Wie es sich anfühltkeine Lust, für diese Sache Kraft aufzuwendenLust schon, aber keine Kraftauf gar nichts Lust
Wann es vorbeigehtsobald du angefangen hastnach Schlaf und Erholungkann sich über Wochen ziehen
Was hilftden Start leichter machenErholungder Ursache auf den Grund gehen, oft mit ärztlicher Hilfe

Wenn Erholung nicht hilft und du, wie man so sagt, keine Lust auf nichts hast, nicht einmal auf Dinge, die dir früher Spaß gemacht haben, ist das keine Faulheit mehr. Antriebslosigkeit kann ein Zeichen für eine Depression sein, ständige Erschöpfung ein Hinweis auf ein gesundheitliches Problem, etwa Eisenmangel oder eine Schilddrüsenunterfunktion. Wenn das zwei Wochen oder länger so geht, lass dich ärztlich untersuchen. Und wenn dir Gedanken kommen, dir selbst etwas anzutun: In Deutschland erreichst du die TelefonSeelsorge kostenlos und rund um die Uhr unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123, in Österreich unter 142, in der Schweiz unter 143. Im Notfall wähl die 112.

Warum die Faulheit so oft die Oberhand behält

  • Die Mühe ist jetzt, der Nutzen später. Das Sofa belohnt sofort, die abgegebene Seminararbeit irgendwann. Und wenn du dich entscheiden musst, wiegt „irgendwann“ wenig.
  • Der Anfang ist unklar. Dein Gehirn schätzt nicht die ganze Aufgabe ab, sondern den ersten Schritt. Ist der verschwommen, wirkt er riesig.
  • Die Aufgabe wirkt sinnlos. Bei Unwichtigem Kraft zu sparen ist ganz vernünftig. Manchmal sagt dir die Faulheit ehrlich: Das hier kannst du lassen.
  • Hinter der Faulheit steckt Angst. Was sich wie Faulheit anfühlt, ist oft die Angst, etwas schlecht zu machen. Dann geht es eigentlich um Prokrastination, und neun Methoden dagegen haben ihren eigenen Artikel.

Faulheit überwinden: 7 Wege

1. Mach den Start leichter als das Auslassen

Wenn die Faulheit den bequemeren Weg nimmt, mach den richtigen Weg bequem. Die Sportsachen liegen an der Tür, das Lehrbuch ist auf der richtigen Seite aufgeschlagen, die Datei mit dem Bericht ist das erste Fenster auf dem Bildschirm. Jeder zusätzliche Schritt bis zur Aufgabe ist ein Anlass, es dir anders zu überlegen, jeder weggeräumte ein kleiner Sieg über das Sofa.

Und umgekehrt: Versuchungen kommen weiter weg. Für das Handy im Nebenzimmer musst du aufstehen, und genau darauf hat die Faulheit keine Lust. Einer der seltenen Fälle, in denen sie auf deiner Seite ist.

2. Verhandle auf fünf Minuten

Sag dir: „Fünf Minuten, dann darf ich aufhören.“ Oft willst du nach fünf Minuten gar nicht mehr aufhören: Am schwersten ist das Anfangen, weitermachen geht leichter. Motivation kommt ohnehin meistens erst nach dem ersten Schritt, nicht davor.

3. Mach die Aufgabe kleiner

„Die Wohnung aufräumen“ ist ein Projekt, „einen Tisch freiräumen“ eine Sache von zehn Minuten. Auf Kleines lässt sich die Faulheit viel eher ein. Schneide die Aufgabe so lange klein, bis das erste Stück fast lächerlich wirkt.

4. Streich, was nicht sein muss

Faulheit kann tatsächlich ein Motor des Fortschritts sein, wenn du ihr die richtige Frage stellst: Muss das überhaupt sein? Manche Aufgaben kannst du streichen, manche abgeben und manche automatisieren: ein Dauerauftrag, statt jeden Monat dieselbe Rechnung von Hand zu bezahlen, eine wiederkehrende Aufgabe, statt jedes Mal selbst daran denken zu müssen. Je weniger Überflüssiges auf der Liste steht, desto weniger Gründe gibt es, beim Wichtigen zu faulenzen.

5. Pack etwas Angenehmes dazu

Langweiliges fällt leichter, wenn etwas Schönes dabei ist: die Lieblingsserie nur beim Bügeln, die beste Playlist nur beim Putzen. Dieser Trick heißt Temptation Bundling, und er ist in Experimenten getestet, auch wenn er keine Wunder verspricht.

6. Gib der Faulheit einen Preis

Wenn Aufschieben nichts kostet, siegt die Faulheit kampflos. Kostet dich eine liegen gelassene Aufgabe etwas, bekommt das Sofa Konkurrenz. So funktioniert StarDo: Eine Aufgabe bekommt ein Versprechen in Telegram Stars. Erledigst du sie bis zur Frist, bleiben die Sterne bei dir. Lässt du sie liegen, sind die versprochenen Sterne fällig. Und weil Sterne echtes Geld kosten, wird Faulheit plötzlich spürbar teuer. Wie viel du versprechen solltest, damit es anspornt und nicht abschreckt, lässt sich mit ein paar einfachen Regeln klären.

7. Erhol dich richtig

Oft ist das, was wir Faulheit nennen, in Wahrheit fehlende Erholung: Der Abend ging fürs Scrollen drauf, und Kraft ist keine dazugekommen. Echte Erholung sieht anders aus: Schlaf, ein Spaziergang, Zeit mit anderen Menschen, etwas mit den Händen tun. Und wenn du Nacht für Nacht nur sechs Stunden schläfst, schaut die Faulheit jeden Tag vorbei, und mit deinem Charakter hat das nichts zu tun: Schlafmangel frisst unbemerkt deine Aufmerksamkeit.

Keine Lust zu lernen, zu arbeiten oder aufzuräumen?

  • Lernen. Fang nicht mit „das Thema lernen“ an, sondern mit einer Frage dazu, die du ohne Buch beantworten kannst. Sich selbst abzufragen bringt mehr als Wiederlesen, und mit einer Frage fängt es sich leichter an als mit einem ganzen Kapitel.
  • Arbeiten. Leg fest, wie „fertig“ für die erste Stunde aussieht: „eine Gliederung des Berichts mit fünf Punkten“, nicht „am Bericht arbeiten“. Das Schwerste gehört in diese erste Stunde, solange der Kopf noch frisch ist.
  • Sport. Zieh die Sportsachen an und verhandle auf zehn Minuten. Wer schon in Sportklamotten steckt, hat das halbe Training geschafft.
  • Aufräumen. Timer auf 15 Minuten und eine Zone: der Schreibtisch, die Spüle, ein Regal. Wenn der Timer klingelt, darfst du mit gutem Gewissen aufhören.

Häufige Fragen

Sind faule Menschen schlauer?

Nein. Die Idee geht auf eine kleine Studie von 2016 zurück: Menschen, die gern nachdenken, bewegten sich an Werktagen weniger. Die Presse machte daraus „Faule sind klüger“, obwohl das Forschungsteam nichts dergleichen behauptet hatte.

Wie überwinde ich meinen inneren Schweinehund?

Nicht mit Gewalt, sondern mit Tricks. Den inneren Schweinehund überwinden heißt vor allem: den Start leichter machen als das Auslassen, auf fünf Minuten verhandeln und dem Aufschieben einen Preis geben. Wie das im Alltag aussieht, zeigen die sieben Wege oben.

Was hilft bei Faulheit und Antriebslosigkeit?

Erst einmal herausfinden, was wirklich los ist. Hast du auf eine bestimmte Sache keine Lust, helfen die Wege oben. Hast du schon lange auf gar nichts Lust, ist das ein Grund für einen Arzttermin und keine Frage der Willenskraft.

Ist Faulheit schlecht?

Nein. Sie spart Kraft, und ohne sie würden wir uns an Kleinkram aufreiben. Schlecht wird es erst, wenn sie für dich entscheidet, was wichtig ist. Es geht nicht darum, die Faulheit für immer zu besiegen, sondern dich mit ihr übers Wichtige zu einigen.

Die Faulheit geht nicht weg, und das muss sie auch nicht. Soll sie ruhig bei Nebensächlichem Kraft sparen, dann reicht die Kraft für das, was zählt.

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